Den Kalender umdrehen – Reverse Planning und die Kraft der Selbstwirksamkeit

Wir leben in einer Zeit, in der Planung fast schon als moralische Tugend gilt.
Wer erfolgreich sein möchte, so heißt es oft, müsse seinen Tag strukturieren, Ziele definieren, Prioritäten setzen und möglichst schon am Vorabend wissen, was morgen zu passieren hat.
Doch was, wenn genau das für manche Menschen das Gegenteil bewirkt?
Was, wenn Planung nicht motiviert, sondern blockiert?
Was, wenn der Blick auf einen vollen Kalender oder eine lange To-do-Liste schon morgens Stress, Druck oder sogar inneren Widerstand erzeugt?
Ich habe genau das erlebt – und für mich eine Methode entwickelt, die diesem Mechanismus bewusst entgegenläuft. Ich nenne sie Reverse Planning.
Warum klassische Tagesplanung Druck erzeugen kann
Viele Planungssysteme arbeiten mit einem einfachen Prinzip: Ich lege fest, was ich tun will – und messe mich später daran, ob ich es geschafft habe. Das klingt logisch.
In der Praxis passiert aber oft Folgendes:
- Der Plan ist ambitioniert
- Der Alltag kommt dazwischen
- Dinge dauern länger als gedacht
- Unvorhergesehenes passiert
Am Ende des Tages bleibt der Eindruck: Ich habe nicht geschafft, was ich mir vorgenommen habe. Selbst wenn objektiv viel erledigt wurde, bleibt emotional oft ein Gefühl von Versagen.
Genau hier beginnt ein Teufelskreis:Je öfter wir erleben, dass wir unsere eigenen Pläne „nicht einhalten“, desto weniger trauen wir uns selbst.
Reverse Planning – Planung rückwärts gedacht
Reverse Planning kehrt dieses Prinzip vollständig um. Ich beginne meinen Tag ohne festen Tagesplan. Kein durchgetakteter Kalender .Keine priorisierte Aufgabenliste, die schon beim Aufstehen Druck erzeugt.
Stattdessen:Ich starte mit meiner Morgenroutine
Im Notizbereich meines Papierkalenders stehen höchstens lose Hinweise Dinge, auf deren Antwort ich warte kleine Gedankenstützen. keine Verpflichtung. Der Kalender ist zu Beginn des Tages weitgehend leer – und das ist entscheidend.
Der Kern der Technik: Dokumentieren statt planen. Der eigentliche Unterschied liegt darin, wann ich Dinge in meinen Kalender eintrage. Nicht vorher. Sondern danach.
Ein konkretes Beispiel. Um 10:00 Uhr ruft mich ein ungeplant Geschäftspartner an. Das Gespräch dauert 20 Minuten. Erst nachdem das Telefonat beendet ist, trage ich in meinen Kalender ein:10:00 – 10:20 | Anruf Christian
Wichtig dabei:Ich schreibe es so, als wäre es ein geplanter Termin gewesen. Genauso verfahre ich mit allem anderen :E-Mails, die ich bearbeitet habe. organisatorische Aufgaben. Gespräche. kreative Arbeit. auch kurze Tätigkeiten. Alles bekommt einen festen Platz im Kalender, in Terminform. Der Kalender wird so zu einem Abbild meines tatsächlichen Tages, nicht zu einer Wunschvorstellung.
Warum auch kleine Dinge zählen
Ein zentraler Punkt bei Reverse Planning ist, dass auch kleine Tätigkeiten eingetragen werden. Ein kurzes Telefonat. Eine Recherche. Ein wichtiges Nachdenken. Eine erledigte Rückmeldung.
Warum das so wichtig ist? Weil unser Gehirn nicht zwischen „klein“ und „groß“ unterscheidet, wenn es um Erfolgserlebnisse geht. Es reagiert auf sichtbare Handlung. Was nicht dokumentiert ist, fühlt sich oft so an, als hätte es nie stattgefunden.
Der Abend: Integration und Abschluss
Am Abend – kurz bevor ich schlafen gehe – schaue ich mir meinen Tag noch einmal an.
Ich ergänze:Dinge, die ich im Laufe des Tages vergessen habe einzutragen, Tätigkeiten, die mir zunächst banal erschienen, auch Pausen oder bewusste Ruhephasen, wenn sie Teil meines Tages waren.
Dann folgt der wichtigste Schritt der Methode:Ich nehme einen roten Stift und hake alles ab.
Selbstwirksamkeit – der eigentliche Schlüssel
Psychologisch gesehen ist Reverse Planning vor allem eines: Ein Training in Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet:Ich erlebe mich selbst als handlungsfähig. Ich sehe, dass mein Tun Wirkung hat. Viele Menschen verlieren dieses Gefühl, nicht weil sie untätig sind – sondern weil ihr Tun nicht sichtbar wird. Reverse Planning macht Handlung sichtbar. Nicht hypothetisch. Nicht geplant.Sondern real.Der rote Haken am Abend ist kein Leistungsnachweis für andere. Er ist ein innerer Beweis für dich selbst.
Warum sich dadurch auch „wichtige“ Aufgaben verändern
Ein häufiger Einwand lautet:„Aber dann mache ich ja vielleicht immer nur Kleinigkeiten.“Meine Erfahrung ist eine andere.Nach einigen Tagen – oft nach etwa einer Woche – verändert sich das Verhalten ganz von selbst. Nicht aus Zwang, sondern aus wachsendem Vertrauen.
Wer täglich sieht:Ich erledige Dinge, Ich bin aktiv, Ich bringe etwas zu Ende der traut sich eher an Aufgaben heran, die vorher aufgeschoben wurden. Nicht, weil sie auf einer Liste stehen.
Sondern weil das innere Gefühl entsteht: Ich kann das. Kein Dogma – sondern ein Angebot Diese Methode ist kein allgemein gültiges System. Sie widerspricht vielen klassischen Coaching- und Manifestationsansätzen. Und sie wird nicht für jeden Menschen passen.
Aber für mich hat sie etwas Entscheidendes verändert: Mein Kalender misst mich nicht mehr. Er begleitet mich. Manchmal entsteht Fortschritt nicht durch bessere Planung. Sondern durch Anerkennung dessen, was bereits da ist. Vielleicht hilft es auch dir, den Kalender einmal umzudrehen.
— Runa
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